Wie man das Leid nichtmenschlicher Tiere erkennen kann

31 Jan 2016

Wenn bestimmte menschliche Verhaltensweisen als Anzeichen von Leid gedeutet werden, dann geben diese Verhaltensweisen gemäß evolutionärer Logik auch Aufschluss über das Leid nichtmenschlicher Tiere. So lässt sich zum Beispiel das Leid von nichtmenschlichen Tieren an deren Schreien und Wimmern oder dem Schonen verletzter Körperteile erkennen. Unübliche Körperhaltungen, die diese über einen längeren Zeitraum einnehmen, sowie ungewöhnliche Verhaltensweisen deuten auf Verletzungen oder chronische Schmerzen hin.

In manchen Situationen ist jedoch nicht klar, wie das Verhalten nichtmenschlicher Tiere interpretiert werden soll. Des Weiteren verbergen (nichtmenschliche) Tiere gelegentlich auch ihre Empfindungen. Herbivore wurden im Lauf ihrer Entwicklungsgeschichte häufig von Raubtieren bedroht, deren Erfolg davon abhing, kranke und schwache Tiere aufzuspüren. Individuen, die ihr Leiden nicht verbargen, wurden daher häufiger Opfer von Raubtieren als jene, die Leidens- und Schmerzzustände gut verborgen haben. Aus diesem Grund entwickelten herbivore Tiere evolutionsbedingt die Eigenheit, ihr Leid vor anderen zu verstecken. Es gibt also durchaus Individuen, die große Qualen fühlen und dennoch dem äußeren Anschein nach kein Leid empfinden. Wenn also festgestellt werden soll, ob ein (nichtmenschliches) Tier tatsächlich Leid empfindet, müssen auch andere Anzeichen wie etwa der gesundheitliche Zustand von (nichtmenschlichen) Tieren berücksichtigt werden.

Darüber hinaus lässt sich das Leid oder Wohlbefinden von nichtmenschlichen Tieren deutlich aus dem jeweiligen Kontext ableiten. Wenn ein Individuum beispielsweise Verbrennungen oder andere Verletzungen erleidet, ist offensichtlich, dass dieses unter normalen Umständen leidet, da wir wissen, dass Verletzungen Schmerzen verursachen. In diesem Beispiel ist deutlich erkennbar, wie sich einer bestimmten Situation diejenigen Informationen entnehmen lassen, mit denen das Leid von nichtmenschlichen Tieren festgestellt werden kann. Nicht immer sind Situationen jedoch so eindeutig interpretierbar. So gibt es z.B. Umstände, die sich zwar negativ auf das Wohlbefinden bestimmter (nichtmenschlicher) Tiere auswirken, jedoch nicht unmittelbar als schädlich beurteilt werden. Erst durch Beobachtungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden, werden die negativen Folgen dieser Situationen in der Gegenwart sichtbar. Sobald die schädlichen Folgen einer Situation hinreichend nachgewiesen sind, ist eine Untersuchung des Einzelfalls nicht mehr notwendig, um festzustellen, dass ((auch) nichtmenschliche Tiere in einer solchen Situation Schaden nehmen.

Weitere mögliche Indikatoren dafür, dass nichtmenschliche Tiere leiden bzw. Schmerzen empfinden, sind physiologische Anzeichen wie Zittern, Schwitzen, geweitete Pupillen, ein beschleunigter Herzschlag, eine schnelle Atmung sowie Atemprobleme. Eine umfassende medizinische Untersuchung kann darüber hinaus weitere Anzeichen erkennbar werden lassen (auch wenn ein solches Vorgehen in der Regel kaum möglich ist).

Weitere Informationen (in englischer Sprache)

Die Animal Welfare Research Group der Universität Edinburgh stellt auf ihrer Website viele Materialien zur Verfügung, die Hinweise zum Erkennen von Leid von nichtmenschlichen Tieren enthalten:

Guidelines on the Recognition and Assessment of Pain in Animals

Auch das Animal Welfare Information Center des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten stellt auf seiner Website zahlreiche Literaturhinweise zu diesem Thema zur Verfügung:

A Reference Source for the Recognition & Alleviation of Pain & Distress in Animals

Weitere Ressourcen:

USDA Farm Animals ­– Pain and Distress

International Veterinary Academy of Pain Management

Recognizing Pain in Animals, Institute for Laboratory Animal Research

Die hier aufgelisteten Links führen zwar prinzipiell zu guten Informationsquellen; man sollte bei der Lektüre dieser aber im Hinterkopf behalten, dass im Mittelpunkt dieser Ausführungen die Interessen von Menschen stehen, und nichtmenschliche Tiere nur im Rahmen ihres Benutzt-Werdens für menschliche Interessen betrachtet werden.


Weiterführende Literatur

Bonica, J. (1990) The management of pain, 2nd ed., Philadelphia: Lea and Febiger.

Broom, D. M. (1991) „Animal welfare: Concepts and measurement“, Journal of Animal Science, 69, pp. 4167-4175.

Dawkins, M. S. (1980) Animal suffering: The science of animal welfare, London: Chapman and Hall.

Dawkins, M. S. (2004) „Using behaviour to assess animal welfare“, Animal Welfare, 13, pp. 3-7.

DeGrazia, D. & Rowan, A. (1991) „Pain, suffering, and anxiety in animals and humans“, Theoretical Medicine and Bioethics, 12, pp. 193-211.

Dell’Omo, G.; Fiore, M. & Alleva, E. (1994) „Strain differences in mouse response to odours of predators“, Behavioural Processes, 32 (2), pp. 105-115.

Edelman, D. B.; Baards, B. J. & Seth, A. K. (2005) „Identifying hallmarks of consciousness in non-mammalian species“, Consciousness and Cognition, 14, pp. 169-187.

Elwood, R. W. (2011) „Pain and suffering in invertebrates?“ of Laboratory Animal Resources Journal, 52, pp. 175-184.

Flecknell, P. A. (1988) „The control of pain in animals“ Grunsell, C. S. G.; Raw, Mary-Elizabeth & Hill, F. (Hrsg.) The veterinary annual, Toronto: Scientechnica, pp. 43-48.

Gentle, M. J. (1992) „Pain in birds“, Animal Welfare, 1, pp. 235-247.

Keefe, F. J.; Fillingim, R. B. & Williams, D. A. (1993) „Behavioral assessment of pain: Nonverbal measures in animals and humans“, ILAR Journal, 33, pp. 3-13.

Kruger, L. (Hrsg.) (1996) Pain and touch: Handbook of perception and cognition, 2nd ed., San Diego: Academic Press.

Molony, V.; Kent, J. E. & McKendrick, I. J. (2002) „Validation of a method for assessment of acute pain in lambs“, Applied Animal Behaviour Science, 76, pp. 215-238.

Morton, D. B. & Griffiths, P. H. M. (1985) „Guidelines on the recognition of pain, distress and discomfort in experimental animals and an hypothesis for assessment“, Veterinary Record, 116, pp. 431-436.

Rushen, J. (1991) „Problems associated with the interpretation of physiological data in the assessment of animal welfare“, Applied Animal Behaviour Science, 28, pp. 381-386.

Rutherford, K. M. D. (2002) „Assessing pain in animals“, Animal Welfare, 11, pp. 31-54.

Seth, A. K.; Baars, B. J. & Edelman, D. B. (2005) „Criteria for consciousness in humans and other mammals“, Consciousness and Cognition, 14, pp. 119-139.

Smith, J. A. (1991) „A question of pain in invertebrates“, ILAR Journal, 33, pp. 25-31 [aufgerufen am 25. Dezember 2013].

Sneddon, L. U. (2009) „Pain and distress in fish“, ILAR Journal, 50, pp. 338-342 [aufgerufen am 12. Januar 2014].

Weary, D. M.; Niel, L.; Flower, F. C. & Fraser, D. (2006) „Identifying and preventing pain in animals“, Applied Animal Behaviour Science, 100, pp. 64-76.

Weiskrantz, L. (1995) „The problem of animal consciousness in relation to neuropsychology“, Behavioral Brain Research, 71, pp. 171-175.

Zimmerman, M. (1986) „Physiological mechanisms of pain and its treatment“, Klinische Anaesthesiol Intensivether, 32, pp. 1-19.